Allein im Jahr 2008 haben wir bundesweit ca. 1000 Eich- hörnchen-Findelkindern zu einer zweiten Chance verholfen.
Bei so vielen betreuten Tieren verwundert es nicht, dass wir nicht nur von Findern, sondern auch von Eichhörnchen-Interessierten allgemein, immer wieder die Frage nach der Überlebenschance handaufgezogener Tiere in der freien Natur gestellt bekommen.
Wer an dieser Stelle Zahlen oder Statistiken erwartet, den müssen wir leider enttäuschen, denn diese gibt es derzeit noch nicht!
De facto ist es so, dass von Menschenhand aufgezogene Tiere im Vergleich zu ihren wild aufgewachsenen Artgenos- sen Defizite aufweisen. Keine noch so gute Betreuung kann die Gegebenheiten in der Natur, mit all ihren Gefahren und Widrigkeiten, 100%ig simulieren, niemand kann die Mutter mit ihren Erfahrungen, ihrem Wissen und ihrer Erziehung ersetzen.
Dennoch versuchen wir, unsere Schützlinge so gut es geht und nach bestem Wissen und Gewissen auf ihr neues, zweites Leben in freier Wildbahn vorzubereiten. Dies beinhaltet nicht nur das Anbieten sämtlicher Bestandteile des natürlichen Nahrungsspektrums und das Aufwachsen mit Artgenossen (um Fehlprägungen zu vermeiden), sondern auch das Fördern der motorischen Fähigkeiten, die von eklatanter Wichtigkeit für das Überleben in der Natur sind.
Zwischen der 8. und 10. Woche beziehen die Tiere ein gro- ßes, naturnah eingerichtetes Außengehege, in dem sie nicht nur ihre Motorik bzw. Geschicklichkeit weiter verfeinern können, sondern auch die Gegebenheiten ihrer natürlichen Um- gebung, wie Temperatur, Geräusche, Tag/Nachtrhythmus etc. kennenlernen. In dieser letzten Phase der Aufzucht und Betreuung der Eichhörnchen-Findelkinder entwickelt sich nicht nur altersbedingt, sondern auch durch die Reduzierung des menschlichen Kontaktes, eine erneute natürliche Scheu, Skepsis und Vorsicht allem Fremden gegenüber. Handaufzuchten bleiben, wie oft fälschlicherweise vermutet, Menschen gegenüber nicht zahm.
Auch darf man nicht vergessen, dass ein großer Teil der eichhörnchentypischen Verhaltensweisen den Tieren bereits in die Wiege gelegt wurde. Das Handwerkszeug, um in der Natur zu Überleben, besitzen die Tiere also von Geburt an.
Kein Tier, das von uns betreut wird, verlässt unsere Obhut, solange es nicht absolut geschickt und schnell in seiner Motorik oder in sonstiger Weise weit genug entwickelt ist, um nach unserem Ermessen in der Natur zu überleben.
Darüber hinaus sind wir der Meinung, dass unser Prinzip der sogenannten „sanften“ Wiederauswilderung die Voraus-setzung einer erfolgreichen Auswilderung darstellt. So haben unsere Tiere nach der Vorbereitungszeit im Auswilderungs-gehege stets die Möglichkeit, so lange in ihr Gehege zum Fressen und Schlafen zurückzukehren, bis sie ein eigenes Revier bzw. ihren Platz in der Natur gefunden haben.
Eine weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Wieder-auswilderung stellt aber auch die Wahl des Standortes dar. So sind wir durchweg darauf bedacht, die Tiere in eine möglichst optimale Umgebung zu entlassen. Hier spielt der Baumbestand, die Größe des Waldes, das Vorhandensein von wilden Artgenossen und das Fehlen übermäßigen menschlichen Einflusses, wie stark befahrene Strassen, eine übergeordnete Rolle.
Den Erfolg unserer Arbeit in Zahlen zu messen, ist im Mom- ent leider nicht möglich, denn dazu müssten großangelegte Besenderungsaktionen durchgeführt werden, was derzeit aus finanziellen und logistischen Gründen nicht möglich ist.
Aber wir können sagen, dass alle unsere Tiere durch eine optimale Vorbereitung perfekt für das Leben in Freiheit aus- gestattet sind. Wiederauswilderungs- sowie Wiederansied-lungsprojekte finden erfolgreich nicht nur in unserem Verein und mit Eichhörnchen statt, sondern vielfach auf der ganzen Welt mit den verschiedensten Tierarten. Der Grundstein für den Erfolg der Wiederauswilderung wird hier einzig und allein durch die optimale Vorbereitung gelegt. Dass unser Konzept funktioniert, beweisen uns jene Tiere, die unsere Auffangstationen regelmäßig besuchen kommen, gar in unmittelbarer Nähe Jungtiere aufziehen.
Natürlich muss man auch davon ausgehen, dass ein nicht unwesentlicher Teil unserer ehemaligen Findelkinder den Überlebenskampf in der Natur verliert, denn auch von den wild aufgewachsenen Tieren erreicht nur ein Fünftel bis ein Viertel das erste Lebensjahr.
Auch wenn wir ihnen über die gefährliche Zeit des Baby- Alters hinweghelfen können, denn in dieser Zeit sind sie schutzlos ihren Feinden ausgeliefert, können wir sie nur ein stückweit auf den Weg in ihr zweites Leben begleiten und sie bestmöglichst darauf vorbereiten. Wie sie ab dem Tag ihrer Auswilderung ihr Leben meistern, liegt leider nicht mehr in unserer Hand.
© Sabine Bergner-Rust / Bianca Ludwig
Eichhörnchen Notruf e.V.